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Dissertation Hans-Dieter Zimmermann

Hans-Dieter Zimmermann:
Auf dem Weg in die Informationsgesellschaft - Die Einbindung privater Haushalte in telematische Dienste und Anwendungen.
Dissertation Universität St. Gallen Nr. 1765, 1995

Problemstellung

Wirtschaft und Gesellschaft befinden sich gegenwärtig in einem Umbruch auf dem Weg in das Informationszeitalter. Treibende Kräfte sind vor allem die neuen Mittel der Informations- und Kommunikationstechnik. Durch die zunehmende Ausbreitung und Nutzung von Telematikanwendungen und sogenannter Interorganisationssysteme (IOS) verändern sich grundsätzliche Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Für alle Teile aus Wirtschaft und Gesellschaft ergeben sich daraus drastische Veränderungen.

Diese Entwicklungen werden forciert durch allgemeine volkswirtschaftliche Entwicklungen wie u.a. die Globalisierung des Handels, die wiederum erst durch die neuen Technologien ermöglicht wird.

Teile der Wirtschaft, insbesondere die Grossunternehmen, nutzen schon seit geraumer Zeit die modernen Mittel der Informations- und Kommunikationstechnik. So verfügen die allermeisten multinationalen Unternehmen über eigene globale Telekommunikationsinfrastrukturen. Auch im Wissenschaftsbereich werden seit den sechziger Jahren globale Telekommunikationsinfrastrukturen (das Internet und seine Vorläufer) zum Informationsaustausch genutzt.

Der Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sowie der privaten Haushalte ist bisher in diese Entwicklungen kaum einbezogen worden. KMU setzen Lösungen wie z.B. EDI häufig nur auf Druck von (Gross-) Abnehmern ein, Telematik-Dienste für die Konsumenten erfüllen bis heute nicht die Erwartungen der jeweiligen Betreiber.

Erst seit den Jahren 1993/94 findet auch in der breiten Öffentlichkeit eine Diskussion über Netzwerke und telematische Dienste und deren Nutzbarmachung für alle Teile der Gesellschaft statt. Quer durch Medien aller Ausrichtungen findet das Thema grosse Beachtung. Rückblickend wird das Jahr 1994 bereits als "Year of the Net" bezeichnet. Ursachen hierfür sind im wesentlichen:
  • Das Regierungsprogramm der "National Information Infrastructure" (NII) in den USA und seine gross angelegten Folgeprojekte wie CommerceNet oder ECAT.
  • Lancierung und Diskussion von NII-ähnlichen Programmen in (fast) allen Industrieländern, z.B. dem "Bangemann-Report" der Europäischen Union.
  • Erschliessung der globalen Internet-Ressourcen für eine "breite Masse" durch den Internet-Dienst World Wide Web (WWW).
  • Öffnung der bestehenden und bisher geschlossenen, proprietären und meist national begrenzten Online-Dienste in den USA hin zum Internet und damit Erschliessung der Internet-Ressourcen für die Benützer dieser Dienste.
  • Etablierung neuer Online-Dienste in Europa und den USA.

Schub für "elektronischen Handel"

Durch die grosse Popularität telematischer Dienste finden Anwendungen des elektronischen Handels ("Electronic Commerce") in den USA und Europa zunehmend Akzeptanz. Schätzungsweise 10.000 Unternehmen (davon der grösste Teil aus den USA) nutzen Anfang 1995 das Internet für Anwendungen im Bereich des elektronischen Handels. In drei Jahren werden es nach Schätzungen bereits ca. 100.000 und zur Jahrtausendwende über eine Millionen sein. Viele der Projekte und Pilotinstallationen in diesem Zusammenhang betreffen auch die Integration der KMU und der privaten Haushalte in telematische Systeme. In den USA gibt es beispielsweise bereits über 50 "virtuelle Shopping- und Dienstleistungszentren" auf der Basis des Internet-Dienstes World Wide Web (WWW), in denen vorwiegend kleine und mittlere Unternehmen ihre Waren und Dienstleistungen anbieten. Es sind bereits erste "virtuelle" Firmen entstanden, die ausschliesslich über globale Telekommunikationsinfrastrukturen Produkte und Dienstleistungen vertreiben.

Stehen für Unternehmen Anwendungen des elektronischen Handels" im Vordergrund bei der Nutzung telematischer Systeme, so sind für private Nutzer solcher Systeme die Möglichkeiten zur Kommunikation mit anderen Teilnehmern sowie Anwendungen aus dem Bereich der Unterhaltung mindestens ebenso wichtig.

Dass auch der Bereich der Haushalte zunehmend mit Informations- und Kommunikationstechnik konfrontiert wird, steht ausser Frage. Schon seit einigen Jahren ist vor allem die Elektronik aus den Haushalten nicht mehr wegzudenken. Durch die Nutzbarmachung der Mittel der Telekommunikation ergeben sich auch für den Haushalt, ebenso wie für Unternehmen, völlig neue Potentiale durch die Überwindung von Raum. Dass die Haushalte in der sich entwickelnden Informationsgesellschaft eine neue Rolle spielen, zeigen zunehmend die Diskussionen auf politischer, wirtschaftlicher, sozialer und wissenschaftlicher Ebene.

Es ist festzustellen, dass in der wissenschaftlichen Literatur bisher häufig die Auswirkungen solcher telematischen Systeme aus sozialwissenschaftlicher Sicht untersucht wurden, ohne allerdings die zugrundeliegenden Zusammenhänge solcher Systeme genauer zu beschreiben.

Bei der Konzeption und der Realisierung neuer telematischer Systeme, die vor allem auch den privaten Nutzern zur Verfügung stehen sollen, steht man heute vor einem Dilemma. In den USA geht man traditionell den eher pragmatischen Weg und "baut" Systeme, wobei man sich auf langjährige Erfahrungen berufen kann. In Europa war die Planung und der Bau solcher Systeme bisher weitgehend den staatlichen, durch ein Monopol geschützten Post- bzw. Telekom-Gesellschaften vorbehalten. Aufgrund der scheinbar auf Jahrzehnte fixierten Monopolstrukturen haben sich weder Wirtschaft noch Wissenschaft intensiv mit der Frage der Gestaltung telematischer Systeme für den Kleinkundenbereich auseinandergesetzt. Erst seit Beginn der Auflösung der monopolistischen Strukturen der Telekommunikation in Europa seit Anfang der neunziger Jahre wird das Thema für Wirtschaft und Wissenschaft interessant.

Bisher fehlen aber eher grundsätzliche Überlegungen betreffend der Konzeption interaktiver telematischer Systeme für den Heimbereich. Umfassende Darstellungen und Analysen aus Sicht der Wirtschaftsinformatik fehlen bisher weitgehend in diesem Bereich.

Zielsetzung und Vorgehen

Bei der Gestaltung von modernen interaktiven Telematiksystemen für den Heimbereich stehen bis heute kaum grundlegende Analysen zur Verfügung, welche die Entwicklung solcher Systeme unterstützen. Auch mangelt es an theoretischen und damit grundsätzlichen Erkenntnissen wie Referenzmodellen etc.

Die vorliegende Arbeit will hier einen Beitrag leisten. Es werden folgende wesentliche Zielsetzungen verfolgt:
  • Aufzeigen der grundsätzlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungen im Zusammenhang mit der Anwendung telematischer Systeme aus der Sicht der privaten Nutzer.
  • Aufzeigen und Dokumentation von Stand und Entwicklungen konkreter telematischer Systeme für private Nutzer.
  • Entwicklung eines Konzepts für die Gestaltung interaktiver telematischer Systeme für den Heimbereich.

Aufbau der Arbeit

In Kapitel zwei werden zunächst grundlegende Begriffe und Zusammenhänge erläutert, die für das Verständnis der Arbeit von Wichtigkeit sind.

Das Kapitel drei beschäftigt sich mit langfristigen und eher grundsätzlichen Entwicklungen im Zusammenhang mit telematischen Systemen. Aufbauend auf den allgemeinen Entwicklungen der Informationsgesellschaft wird anschliessend speziell die Position der Haushalte in der Informationsgesellschaft diskutiert.

In weiteren Abschnitten werden dann die nationalen und internationalen Initiativen zur Etablierung der Informationsgesellschaft dargestellt und diskutiert sowie die bisherige Entwicklung der "Interorganisationssysteme" (IOS) im Überblick dargestellt. Dieser Typus von Informationssystemen bildet heute die Grundlage der Integration von selbständigen Organisationseinheiten.

Im Kapitel vier werden dann der Stand und die aktuellen Entwicklungen telematischer Systeme für den Heimbereich in Europa und den USA dargestellt und analysiert. Dabei handelt es sich zu einem Teil um die aktuelle Bestandsaufnahme eines Gebietes, dessen Entwicklung insgesamt durch eine extreme Dynamik gekennzeichnet ist. Die Darstellungen haben deswegen auch den Charakter einer Dokumentation dieser Entwicklungen im Zeitraum des Jahres 1994 bis Anfang 1995.

Das Kapitel fünf widmet sich dann der Entwicklung eines Konzeptes interaktiver Telematiksysteme für den Heimbereich. Nach der Diskussion der Erfolgsfaktoren und der Grundanforderungen an solche Systeme werden dann die Teilmodelle des Gesamtkonzeptes entwickelt.

Bild 1: Hauptkapitel der Arbeit

Neben der Auswertung der vorliegenden Literatur fliessen in die Arbeit vor allem auch die Erkenntnisse ein, die der Autor im Rahmen der Arbeiten im Projekt "Komptetenzzentrum TeleCounter" gewonnen hat.

Für die Darstellung und Analyse aktueller Entwicklungen wurden zusätzlich "elektronische" Quellen, hier insbesondere auf dem Internet, genutzt und ausgewertet. Es sei auch an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die angegebenen Dokumente möglicherweise an den angeführten Speicheradressen nicht mehr erhältlich sind oder verändert und überarbeitet wurden.

Insbesondere wurde das Internet und seine diversen Dienste auch für die Diskussion und den Meinungsaustausch mit Wissenschaftlern und anderen Teilnehmern vor allem in den USA genutzt.